Nach einem Jahr Auszeit Olympiasiegerin Julia Lier trainiert wieder

 

Halle (Saale) –

– Quelle: https://www.mz-web.de/29641212 ©2012 –

Es muss nicht immer Wasser sein. Zumindest nicht in flüssiger Form. Während sich die besten deutschen Ruderinnen in Portugal drei lange Wochen für die neue Saison warmrudern, arbeitet Olympiasiegerin Julia Lier in Eiseskälte an ihrer Physis. Im österreichischen Weißensee bringt sie während der Ferienwoche auf Skiern ihre Kondition auf Vordermann. „Länger“, sagt sie, „kann ich gerade nicht weg aus Halle.“

Es ist der alte Spagat zwischen Sport und Beruf. Liers Ausbildung zur Physiotherapeutin geht in die entscheidende Phase. Bis zum Sommer stehen noch 15 Prüfungen an. Erst danach bekommt der Leistungssport wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber immerhin: Nach einem Jahr Auszeit hat sich Julia Lier entschieden, diesen Spagat noch einmal in Angriff zu nehmen. Nach Gold im Doppelvierer von Rio reizt sie die Aussicht auf Olympia 2020.

Julia Lier und ihr Trainer Frank Köhler in Weißensee

Julia Lier und ihr Trainer Frank Köhler in Weißensee

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privat

Bis dahin gilt es, sich wieder an die Spitze heranzukämpfen. Ob die 27-Jährige schon im September soweit sein wird, um im bulgarischen Plowdiw mit den Besten der Welt mithalten zu können, wird sich erst zeigen müssen. Der Fahrplan zur WM ist ziemlich eng gestrickt. „Es ist nicht unrealistisch“, sagt Liers Heimtrainer Frank Köhler. „Vor allem aber ist alles mit den Verbandsverantwortlichen abgesprochen.“

Leistungstest im April

Soll heißen: Cheftrainer Marcin Witkowski hat den Sonderweg der Hallenserin abgesegnet. Einen Freibrief bekam sie aber trotzdem nicht. Aber zumindest Rückendeckung. „Auf meine Erfahrungen möchten sie aber nicht verzichten“, sagt Julia Lier. Von Trainingslagern oder Auswahlmaßnahmen ist Julia Lier während ihrer Ausbildung weiter befreit.

Bei der ersten nationalen Bestandsaufnahme am 7. und 8. April in Leipzig muss dann aber auch die Erfolgssportlerin ihre Wettkampftauglichkeit unter Beweis stellen. Beim Ergometertest über 2 000 Meter soll eine Zeit unter sieben Minuten herausspringen. Zum Vergleich: Ihre Bestzeit steht bei 6:46 Minuten aus dem Olympiajahr. Und beim Langstreckenrennen tags darauf über sechs Kilometer ist ein Platz unter den ersten Acht avisiert.

Gute Trainingsergebnisse bei Julia Lier

In den letzten Monaten hat sich Lier mächtig ins Zeug gelegt. Die ersten Tests zum Jahresanfang verliefen verheißungsvoll. „Ihr Trainingszustand gleicht dem vom Jahresbeginn 2014“, sagt Köhler über die leistunsgdiagnostischen Ergebnisse – also aus jenem Jahr, in dem sie zum ersten Mal Weltmeisterin im Doppelvierer wurde.

Die Lust am Rudern hatte sich erst im Oktober wiedergemeldet, nach mehr als einem Jahr Wettkampfpause. „Jeden Tag habe ich mich gefragt: Was mache ich nun? Du hast doch schon alles erreicht“, gibt die Weltmeisterin und Olympiasiegerin zu. Erst als sie im kleinen Kreis ihres Vereins HRV Böllberg-Nelson nach dem Sprint-Cup zum Saisonausklang den Kindern die Medaillen um den Hals hängen durfte, da war sie plötzlich wieder da – die alte Leidenschaft. „Ich habe gemerkt, dass mir das harte Training fehlt, der leistungssportlich strukturierte Tag“, sagt Julia Lier.

Tennis und Basketball

Der Wiedereinstieg ist ihr leichter gefallen als gedacht – obwohl das Training parallel zu der Berufsausbildung mitsamt den Praktika lief. Selbst der Muskelkater war nicht so schlimm wie befürchtet. Dabei kam ihr zugute, sich nicht allein aufs Rudertraining beschränkt zu haben. So versuchte sich Julia Lier an der Seite der Lions im Basketball, nahm Tennisstunden oder sucht nun die Herausforderung auf der Skipiste. „Um technisch weiterzukommen, muss man sich vielseitig bewegen, das regt die Bildung neuer Nervenbahnen an“, weiß sie wohl auch von Berufswegen.

Nur eines stört Julia Lier dann doch bei ihrem Comeback: „Die Bedingungen am Kanal in Neustadt sind immer noch katastrophal.“ Ihre beim Hochwasser 2013 arg in Mitleidenschaft gezogene Baracke mit Sanitärtrakt sollte eigentlich 2017 schon durch einen Neubau ersetzt werden. Doch noch immer wurde mit dem Bau nicht einmal begonnen. „Ich würde mir gern mal jemanden zum gemeinsamen Zweiertraining nach Halle einladen, denn die äußeren Bedingungen mit dem Kanal sind sehr gut“, sagt die Olympiasiegerin. „Doch das verbietet sich im Augenblick.“

Die Zustände am Ufer sind hingegen einer Olympiasiegerin unwürdig. Weitermachen wird Julia Lier trotzdem. Nun, wo sie die Lust wieder gepackt hat. (mz)

– Quelle: https://www.mz-web.de/29641212 ©2018

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